SEKA-Logo

SEKA-Rundbrief Mai 2016

Gorazde, 19. April 2016

Liebe SEKA-Freundinnen und Freunde,

Noch immer stehen wir alle unter Schock: Am 31.03.2016 wurde der serbische Kriegsverbrecher und Ultranationalist Vojislav Seselj vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag freigesprochen. Zwei der drei Richter urteilten „nicht schuldig”, die dritte Richterin übte in ihrem Sondervotum an dieser Entscheidung scharfe Kritik. Die Ankläger hatten 28 Jahre Gefängnis gefordert.

Dieses Urteil stellt unseres Erachtens eine Verhöhnung der Tausende von Opfern der Jugoslawienkriege dar. Seselj, einem der maßgeblichen Architekten der Morde, Vergewaltigungen, Vertreibungen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit wird seine Unschuld bescheinigt!

Seselj hat bis heute nicht mit seiner faschistischen Hetze aufgehört - weder während des Prozesses vor dem internationalen Gerichtshof, noch nach seiner „vorübergehenden” Entlassung wegen seiner Krebserkrankung 2014. Derzeit nutzt er den Wahlkampf für seine Serbische Radikale Partei um seine Phantasien von Großserbien weiter zu verbreiten, zu diffamieren und zu drohen. Nahtlos knüpft er an seine Rhetorik der Kriegsjahre an.

Für unsere Klientinnen und Klienten, die Überlebenden von Folterlagern, Vergewaltigungen und Vertreibungen, für die Familien der Ermordeten ist dieses Urteil eine weitere Bestätigung ihrer bisherigen Erfahrung, dass es „Gerechtigkeit nicht gibt” und Europa und die Welt sie - wie schon während des Krieges - ein weiteres Mal verraten haben.

Es ist für uns alle offensichtlich, dass dieses Urteil ein politisches ist (kurz vor der Urteilsverkündung wurde einer der Richter wegen angeblicher Befangenheit ausgetauscht) - ein Zugeständnis an Serbien, das offensichtlich unter allen Umständen in die Europäische Union aufgenommen werden soll - vermutlich, um den Einfluss Russlands in der Region zu vermindern...

Die Folgen dieses Urteils werden leider gravierend sein: Der Internationale Gerichtshof hat damit seinen letzten Rest Reputation als unabhängige Instanz, die der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen kann, verloren. Die Vereinten Nationen - deren Gerichtshof es ist - machen sich zum Helfeshelfer von Faschisten und Kriegsverbrechern. Für letztere ist es ein Signal, dass die Internationale Gemeinschaft erpressbar ist und es letzten Endes immer nur um die eigenen Interessen der Staaten geht - und nicht um Menschenrechte oder humanistische Werte. Das zeigt ja auch die aktuelle Flüchtlingspolitik der EU in erschreckendem Maße!

Die schlimmsten Folgen hat dieses Urteil für die Länder des ehemaligen Jugoslawiens: Die Täter triumphieren erneut und die Opfer und Überlebenden werden noch einmal gedemütigt und entrechtet!

Bei den Menschen in Gorazde, die die Hölle dieses Krieges überlebt haben und versuchen, sich mühsam und mit vielen Schwierigkeiten wieder ein ‚normales’ Leben aufzubauen, die trotz allem wieder Familien gegründet und Kinder bekommen haben ... bei diesen Menschen wächst - nach dem ersten Entsetzen über das Urteil - wieder ohnmächtige Wut und Angst: Die Angst, dass ihren Kindern vielleicht das Gleiche widerfahren wird, was sie selbst erlitten haben, und dass sie sie nicht davor bewahren können - und dass die Welt dann wieder nur zuschauen wird. In diesen Tagen haben wir viele viele Gespräche zu diesen Themen ...

Eine kleine Hoffnung bleibt, die Anklage in Den Haag wird wohl in Berufung gehen. Wir hoffen auf eine Aufhebung und Korrektur des Urteils.

Doch nun zur SEKA-Arbeit der letzten 6 Monate:

SEKA-Programm von Anfang November 2015 bis Ende April 2016:

Regelmäßige Angebote im SEKA-Haus für die lokale Bevölkerung:

Der Schwerpunkt der SEKA-Arbeit liegt nach wie vor auf den regelmäßigen (trauma-)therapeutischen, psycho-edukativen und pädagogischen Angeboten für die lokale Bevölkerung des Kantons Gorazde.

Die Probleme des Dorfes Zupcici werden diskutiert.
Die Probleme des Dorfes Zupcici werden diskutiert.

Das regelmäßige SEKA-Programm beinhaltete in den vergangenen 6 Monaten:

Aktion ‚One Billion Rising’, Gorazde 2016
Aktion ‚One Billion Rising’, Gorazde 2016

Neben diesen regelmäßigen Angeboten fanden im vergangenen halben Jahr außerdem folgende Aktivitäten statt:

Die Arbeit von SEKA Gorazde im Jahr 2015 in Zahlen:

Von Januar bis Dezember 2015 nahmen insgesamt 193 TeilnehmerInnen für durchschnittlich 20,8 Stunden an unterschiedlichen Angeboten im SEKA-Haus teil.

Davon: Anzahl
Frauen 86
Kinder / Jugendliche
(davon Mädchen: 61 + Jungen: 36)
97
Männer (überw. Veteranen) 10
--------------------------------
Es nahmen teil
an Therapiegruppen für Frauen 23
an einzeltherapeutischen Terminen mit Frauen 40
Kriseninterventionen 3
an Gruppenarbeit mit Kindern / Jugendlichen 32
an Einzelarbeit mit Kindern / Jugendlichen 6
an Gruppenarbeit mit Mädchen 37
an Projektarbeit mit Mädchen / Jugendlichen 25
an offenen Terminen für Frauen 24
an offenen Terminen für Kinder 40
an Einzelarbeit mit Männern 7
Familienberatung 5
an Supervisionen 21
an Fach-Fortbildungen im SEKA-Haus 13
Viele KlientInnen nahmen an mehreren Angeboten teil.

SEKA-Team

Seit Januar 2016 haben wir eine neue junge Kollegin, Aida Bico. Sie ist 24 Jahre alt und hat IT für Lehramt studiert. Im Oktober 2015 begann sie zunächst, ehrenamtlich für SEKA zu arbeiten. Im Dezember ergab sich die Möglichkeit, sie durch eine Förderung des Arbeitsamts für ein Jahr zu beschäftigen.

Aida hat begonnen, mit unserer Unterstützung eine Gruppe junger Aktivistinnen zu formieren, die sich zu verschiedenen gesellschaftlichen Themen engagieren wollen. Die erste öffentlichkeitswirksame Aktion der kleinen Gruppe war die Gorazder Aktion im Rahmen der Globalen Kampagne ‚One Billion Rising’ (s.o.). Aida unterstützt uns außerdem bei der Öffentlichkeitsarbeit, bei Logistik und Verwaltung, in der Gruppenarbeit mit Kindern, bei der Organisation des Projekts ‚Wir erheben unsere Stimme’ (s.u.) und überhaupt ist sie immer zur Stelle, wenn Hilfe nötig ist.

Auch SEKA-Vereinsfrau Lejla Kazagic ist seit November - zumindest zeitweise - Teil des SEKA-Teams geworden: Gemeinsam mit Vereinsfrau Mediha Kamenica nahm sie an den Seminaren zur Strategischen Planung für SEKA teil. Außerdem leitet sie maßgeblich die Workshops des Projekts ‚Wir erheben unsere Stimme’ (s.u.).

Arbeit mit Kindern

Wie bereits im letzten Journal erwähnt, ist unsere Kollegin Amina Sarajlic noch bis Ende Mai 2016 im Elternjahr. Elma Hamzic und Alema Bajrovic, die seit Mai 2015 stundenweise die Arbeit mit den Kindern übernommen hatten, teilten uns Ende letzten Jahres mit, dass sie aufgrund von Arbeitsüberlastung leider nicht mehr für SEKA tätig sein können. Glücklicherweise sprang in dieser Notlage ab Januar 2016 Edisa Ahmetspahic ein, die seit Oktober 2015 ohnehin die Mädchentherapiegruppe im Gorazder Vorort Vitkovici leitete. Da sie ebenfalls voll berufstätig ist, musste sie die Gruppentermine mit den Kindern auf die Samstage legen. Die Kinder kennen und lieben Edisa, daher fiel dieser Wechsel recht leicht. Dennoch freuen wir uns alle schon auf Anfang Juni, wenn Amina wieder zurückkommt und die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen bzw. die Mädchenarbeit wieder im gewohnten Umfang stattfinden kann!

Aida Bico in der Gruppenarbeit mit Kindern
Aida Bico in der Gruppenarbeit mit Kindern

Projekt ‚Wir erheben unsere Stimme’

Wie bereits im letzten Journal angekündigt, haben wir im Januar mit der Realisierung des Pilotprojekts ‚Wir erheben unsere Stimme’ begonnen. Es soll den Frauen in drei ausgewählten Dörfern Raum und Unterstützung beim Austausch über Probleme und bei der Formulierung von gewünschten Veränderungen bieten und schließlich in Treffen mit den verantwortlichen PolitikerInnen münden, wo die Frauen Gelegenheit haben werden, ihre Vorschläge und Forderungen zu vertreten.

In einer zweimonatiger Vorbereitungszeit knüpfte SEKA-Koordinatorin Esma Drkenda die notwendigen Kontakte; Lejla Kazagic erarbeitete und gestaltete das Informationsmaterial und Mevlida Rovcanin, Lejla Kazagic und Aida Bico bereiteten die Workshops vor. Dann organisierten wir Anfang März in den drei ausgewählten Dörfern Zupcici, Ustikolina und Praca jeweils ein erstes Vorbereitungstreffen in einem zwanglosen Rahmen. Wir stellten das Projekt vor und verteilten den Frauen das Infomaterial. Die Frauen zeigten in allen drei Dörfern Interesse und freuten sich, „dass mal jemand auch an uns denkt!”.

Im März und Anfang April fanden dann in jedem Dorf zwei jeweils dreistündige Workshops statt, in denen die Frauen die aktuellen Probleme und ihre Veränderungswünsche benannten (je nach Gemeinde zwischen 15 und 24 Problempunkte). Gemeinsam wurde dann bestimmt, welche 5-6 Themen Priorität haben sollten. Als Änderungswünsche wurden z.B. benannt: bessere öffentliche Verkehrsverbindungen und Instandsetzung von Verkehrs- und auch Fußwegen; Frauen sollten in den Orts- und Gemeinderäten zahlreicher vertreten sein; (mehr) kulturelle, soziale oder Sport-Angebote für die Bevölkerung - besonders für Jugendliche und für Frauen; bessere Finanzierung der Gemeinden; Anschluss aller Haushalte an die Kanalisation, Ökologie ... u.a.m.; In Praca (einem sehr entlegenen Dorf): Förderung von Arbeitsplätzen (Firmen, Kleinstbetrieben u.ä.), Einrichtung einer Apotheke.

In jeweils einem weiteren Workshop in jedem Dorf werden die Frauen - unterstützt von zwei Mitarbeiterinnen der Organisation ‚Recht für alle’ - konkrete Strategien zur Durchsetzung der jeweiligen Forderungen erarbeiten. Im Juni sollen dann die Termine mit den PolitikerInnen stattfinden. Über die Ergebnisse des Projekts werden wir im nächsten SEKA-Journal ausführlicher berichten.

Kostenlos spenden für SEKA

Installieren Sie die App ‚nate’ auf Ihrem Handy und registrieren Sie sich als NutzerIn. Dann wählen Sie als Ihr ‚Herzensprojekt’ SEKA.

Danach sammeln Sie einfach durch das Entsperren ihres Handys - quasi nebenbei - Spenden für SEKA. Viele Cents wachsen zu vielen Euros! Probieren Sie es doch mal aus!
Nate helps App

smoostInstallieren Sie die ‚smoost’-App auf Ihrem Smartphone und registrieren Sie sich: smoo.st/it/6sqg9
Dann scannen Sie einfach den Herzcode links. Sie werden so in der App direkt zum SEKA-Projekt geleitet.
Durch das Klicken auf Werbeprospekte von Geschäften in Ihrer Umgebung können Sie kostenlos Spenden für SEKA generieren.

Wie geht es weiter mit SEKA?

Ende November und Anfang Februar erarbeitete das SEKA-Team mit professioneller Unterstützung von Aleksandra Vladisavljevic, BIZZ doo, Belgrad, an insgesamt 6 Tagen die Strategische Planung für die Projektarbeit der kommenden vier Jahre (2016-2019).

Die wichtigsten Ergebnisse kurz zusammengefasst sind:

  1. Die (trauma-)therapeutische und psycho-edukative Arbeit mit Frauen, Kindern und Jugendliche (besonders Mädchen) wird weiterhin den Kernbereich der SEKA-Arbeit darstellen.
  2. Auch die Fortbildungsangebote für FachkollegInnen durch Seminare aber auch durch Fachliteratur, therapeutische Materialien (Übungen u.ä.) wird ein weiterhin wichtiger Arbeitsbereich von SEKA sein - allerdings werden wir für Publikationen in Zukunft stärker auch die elektronischen Medien nutzen.
  3. Als dritter Bereich gewinnt an zusätzlicher Bedeutung die ‚Politische Einflussnahme im Sinne von Advocacy’ - das bedeutet Öffentlichkeitsarbeit, Kampagnen, Gremienarbeit und Vernetzung mit dem Ziel der Förderung demokratischer Prozesse und der Lösung spezifischer gesellschaftlicher Probleme.
  4. Als vierter Bereich kristallisierte sich heraus: Die Förderung des gesellschaftlichen Engagements von Jugendlichen und jungen Erwachsenen - insbesondere Mädchen und jungen Frauen.

Finanzen

Die Spendeneinnahmen von SEKA Hamburg e.V. sind leider im Jahr 2015 um ca. 25% eingebrochen. Dies hängt sicherlich mit den akuten Kriegen und Krisen und mit dem aktuellen großen Spendenbedarf für Flüchtlingsprojekte zusammen. Ein langfristig angelegtes Projekt wie SEKA gerät dadurch schnell mal aus dem Blickwinkel.

Wir möchten Sie daher dringend bitten: Bitte begleiten und fördern Sie weiter unsere friedenstherapeutische Arbeit! SEKA leistet durch seine therapeutische Arbeit und seine politische Einmischung einen wichtigen Beitrag zum Frieden und zur Prävention von Konflikten in der noch immer sehr angespannten Situation in Bosnien-Herzegowina!

Neben den ‚normalen Überweisungen’ können Sie SEKA auch online über die Spendenplattform ‚betterplace’ unterstützen.

Allen, die SEKA in den letzten 6 Monaten - in welcher Form auch immer - unterstützt haben, danken wir sehr herzlich! Ein ganz großes Dankeschön an dieser Stelle an den Chor ‚Gospel People’ aus Wesel für das Benefizkonzert Ende Februar!

Den Finanzbericht für das Jahr 2015 finden Sie - sobald er von unserem Steuerberatungsbüro fertiggestellt ist - wie üblich unter http://www.seka-hh.de/finanzen.htm. Seit 2016 hat sich SEKA Hamburg e.V. im übrigen der ‚Initiative Transparente Zivilgesellschaft’ angeschlossen.

Mit herzlichen Grüßen

Gabriele Müller und Kolleginnen des SEKA-Teams Gorazde

Pfeil nach oben
SEKA Logo