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SEKA Journal Nr. 28, Dezember 2017

Das Selbstheilungspotential aktivieren

Irena Dumic Juric-Marijanovic
Irena Dumic Juric-Marijanovic

Irena Dumic Juric-Marijanovic, Dipl. Psychologin aus Banja Luka ist Absolventin der im Oktober 2017 abgeschlossenen Fortbildungsreihe ‚Traumatherapie mit der Methode Psychodrama’. Irena hat vor dieser Weiterbildung bereits eine 7jährige Ausbildung in gruppenanalytischer Psychotherapie absolviert. Seit 20 Jahren arbeitet sie in verschiedenen Organisationen mit unterschiedlichsten Gruppen.

Seit 15 Jahren ist sie vor allem therapeutisch tätig, bietet Einzel- und Gruppentherapie, Familien- und Paartherapie an. Sie ist Mitbegründerin des Zentrums für Psychotherapie ‚U povjerenju’ (‚Im Vertrauen’) in Banja Luka, wo sie aktuell auch als Therapeutin arbeitet.

In Ihrer Abschlussarbeit beschreibt Irena die Einzeltherapie mit einer jungen Frau, die wegen Panikattacken um psychotherapeutische Hilfe bat.

In der Therapie mit der Klientin Dragana S. kombinierte sie die psychoanalytische mit der traumatherapeutisch-psychodramatischen Methode.

Im Folgenden gibt eine Auswahl von Auszügen (kursiv) aus ihrer Abschlussarbeit einen Einblick in ihre methodischen Überlegungen und deren konkrete Umsetzung.

„Je mehr meine Fortbildung in ‚Traumatherapie mit der Methode Psychodrama’ fortschritt, desto mehr bekam ich die Einsicht, dass der Blick auf die Dynamik und Struktur der Persönlichkeit in der Psychoanalyse und in der Psychodramatherapie sehr kompatibel sind. Die Konzepte, die sich nach meinem Empfinden ähneln, beinhalten bewusste und unbewusste Inhalte, die Persönlichkeitsstruktur (Ego-States im Psychodrama/Traumatherapie und Es-Ich-Überich in der Psychoanalyse), der Einfluss früherer Erfahrungen - vor allem aus der Familie - auf die Persönlichkeitsentwicklung, sowie die Wichtigkeit, die dem Sich-Bewusstwerden, dem Differenzieren, dem Benennen und dem Verständnis von Emotionen gegeben wird.

Diese Ähnlichkeiten haben mich ermutigt, diese beiden Ansätze zu kombinieren. Natürlich sind da auch einige Unterschiede, von denen ich allerdings den Eindruck hatte, dass sie sich in der Arbeit wunderbar ergänzen würden: Der psychoanalytische Ansatz bietet ein grundsätzliches Verständnis der Person, das Sich-Bewusstwerden unbewusster Inhalte und deren Integration ins Bewusstsein, das Verbinden früherer Erfahrungen mit dem heutigen Leben und mit den Schwierigkeiten, die der/die Klient/in heute hat. Und das Psychodrama bietet andererseits konkrete Techniken, mit überflutenden Inhalten in der Gegenwart umzugehen, es bietet neben dem Gespräch die Aktion, die den KlientInnen ermöglicht, bereits während der Sitzung aktiv zu werden. Das Psychodrama ist fokussiert auf das ‚Hier und Jetzt’ und auf die/den Klientin/en als ‚Träger/in der Veränderung’, mit der tiefen Überzeugung in die ‚Innere Weisheit und das Selbstheilungspotential’, das jeder Mensch in sich trägt. Außerdem bietet das Psychodrama unterschiedliche strukturierte Übungen zu konkreten Themen, die für die Arbeit sehr nützlich sind.”

Über die Bedeutung der psychodramatischen Philosophie in der Arbeit mit traumatisierten Menschen schreibt Irena:

„Auch wenn das Überleben traumatischer Erfahrungen große Auswirkungen auf die psychische Stabilität der Betroffenen hat und - abhängig von der Art und Dauer des traumatischen Ereignisses - die psychische Gesundheit sehr beeinträchtigten oder gar zerstören kann, bietet die psychodramatische Philosophie die Möglichkeit, diesen Zustand zu überwinden. Die Psychodrama-Therapie zielt darauf ab, den Menschen ein Leben in Zufriedenheit, Glück, Freude, ja Lebensfreude insgesamt zu ermöglichen, von der Krankheit in Richtung Gesundung zu gehen. Das klingt einfach, aber in der Arbeit mit traumatisierten KlientInnen, die unterschiedliche Formen traumatischer Erfahrungen erlebt haben und (verständlicherweise) pathologische Reaktionen darauf entwickelt haben, ist diese Philosophie sehr hilfreich für die Ausrichtung der Therapie und die Definition der Therapieziele.

Diesbezüglich sind drei Aspekte in der psychodramatischen therapeutischen Arbeit wesentlich:

Einsamkeit und Revolte

Die ersten Therapietermine dienten dem Kennenlernen von Therapeutin und Klientin, der Anamnese und der Definition der aktuellen Probleme, wegen derer Dragana Hilfe suchte, sowie der Definition der Therapieziele.

Dragana war damals 25 Jahre alt, lebte mit Eltern und Großmutter in einem Dorf bei Banja Luka. Kurz zuvor hatte sie die medizinische Fakultät mit sehr guten Noten abgeschlossen und hatte eine erste Anstellung in einer Poliklinik bekommen.

Aufgewachsen war sie in einer Familie mit einer schwer depressiven Mutter und einem äußerst rigiden und auch aggressiven Vater. Sie war seit früher Kindheit den täglichen Streitereien zwischen den Eltern und auch zwischen der Großmutter und der Mutter ausgesetzt. Sie hatte nie ein eigenes Zimmer und damit nie eine Rückzugsmöglichkeit besessen. Ihre Überlebensstrategie war der Rückzug in sich selbst, zu lesen und zu lernen. Trotz aller Probleme war sie stets eine sehr gute Schülerin gewesen. In der Grund- und Hauptschule hatte sie allerdings keine Freunde, sie vermied Nähe zu anderen.

Erst mit dem Beginn der Mittelschule veränderte sie sich, sie lernte südamerikanische Tänze, begann auszugehen, hörte Rockmusik, trug nur noch schwarze Kleidung, rauchte und trank Alkohol.

In dieser Zeit als Jugendliche und junge Heranwachsende hatte Dragana eine große Zahl von FreundInnen und Bekannten, sie war kommunikativ und beliebt. Sie hatte in diesen Jahren allerdings auch eine große Zahl wechselnder Liebesbeziehungen. Diese Beziehungen beinhalteten auch Sex, obwohl das für sie nicht das Wesentliche war. Sie sah sich nicht als promiskuitiv. Diese Phase dauerte mehrere Jahre bis zu Beginn des Studiums.

In der Therapie äußerte Dragana große Schuldgefühle wegen dieser „Vergangenheit”. Sie verurteilte sich für diese Zeit in der sie „alles mögliche gemacht habe, das sie heute nicht akzeptieren könne”.

Sie hatte nun eine bereits zwei Jahre dauernde Beziehung zu einem jungen Mann, Nikola R., dem sie „von ihrer Vergangenheit erzählt” hatte. Seitdem benutzte dieser diese Informationen, um sie zu kritisieren und ihr ihr ‚liederliches Leben’ vorzuwerfen. Sie idealisierte ihn offensichtlich und gab ihm mit seinen Vorwürfen recht, litt aber gleichzeitig sehr unter diesen Vorhaltungen und Abwertungen ihrer Person.

Dragana hatte außerdem bereits seit längerer Zeit intensive Angstzustände, die in größeren Gruppen von Menschen zu Panikzuständen anwuchsen. Aus diesem Grund hatte sie sich für eine Therapie entschieden.

Als Therapieziele benannte Dragana, dass sie ihre Angstzustände loswerden und selbständig werden wolle; Sie wolle mehr Selbstvertrauen bekommen und ihre Fähigkeiten besser nutzen; und sie wolle aufhören, sich selbst ständig zu beschuldigen.

Irenas psychodramatische Präsentation ihrer Abschlussarbeit
Irenas psychodramatische Präsentation ihrer Abschlussarbeit

Erneuter Missbrauch

Irena schreibt über den Anfang der Therapie: „In den Therapiestunden erlebte ich Dragana einerseits als offen, fröhlich und aktiv, sehr bereit, an sich zu arbeiten - andererseits als ängstlich und unsicher - es fiel ihr schwer, mich anzuschauen, und sie brach oft in Tränen aus. Ich hatte den Eindruck, dass es für sie besonders wichtig war, in der Therapie einen geschützten Raum zu haben, wo sie über alles reden konnte, ohne kritisiert oder beurteilt zu werden, wo sie stattdessen Verständnis und Unterstützung bekam.

Bereits nach unseren ersten Gesprächen war mir klar, dass Dragana von früher Kindheit an kontinuierlich familiärer Gewalt ausgesetzt war - sowohl als Zeugin der Gewalt zwischen den anderen Familienmitgliedern als auch als direktes Opfer. Sie war dadurch viele Jahre lang direkt und indirekt traumatisiert worden.

Sie hatte nie positive Nähe oder irgendeine Form von Fürsorge erlebt und sehnte sich danach bereits ihr ganzes Leben lang. Die wechselnden Beziehungen in ihrer frühen Jugend erlebte ich als Versuch, diese Liebe und Zuwendung zu bekommen.

Des Weiteren wurde klar, dass Draganas Angstzustände, Panikattacken und heftige Schuldgefühle, sowie der fast völlige Verlust ihres Selbstwertgefühls sich entwickelt hatten, nachdem sie die Beziehung zu ihrem derzeitigen Freund eingegangen war. Wie immer deutlicher wurde, verletzte und beschimpfte Nikola sie ‚wegen ihrer Vergangenheit’ als ‚schmutzig’ ; sagte ihr, es ‚ekle ihn vor ihr’. Dadurch erlebte Dragana eine Wiederholung ihrer familiären Gewalterfahrungen, die sie zusätzlich traumatisierte. Zu Beginn der Therapie war es Dragana allerdings unmöglich, ihren Freund auch nur annähernd kritisch zu sehen, da sie sich ja selbst verurteilte.

Im Gegensatz dazu sah ich Draganas riesiges Potential und ihre zahlreichen Ressourcen: Ich erlebte eine kluge, geistreiche, kreative, tüchtige und anziehende junge Frau. Trotz ihrer extrem belastenden Lebensgeschichte, war es ihr gelungen, eine hevorragende Schülerin zu werden, eine begabte Tänzerin, eine Studentin, die einen der schwierigsten Studiengänge absolvierte und die es schaffte, ohne fremde Hilfe oder Beziehungen einen Arbeitsplatz zu finden. Daneben versuchte sie, auf vielerlei Arten, sich selbst zu helfen, indem sie viel las - auch Literatur über Psychologie und meditierte. Da war es - dieses innere Potential, von dem die psychodramatische Philosophie spricht: Dragana nutzte ihre Innere Weisheit und ihre Selbstheilungskräfte - aber sie war sich dessen nicht wirklich bewusst.

Ressourcen, Stärken und Fähigkeiten

Es bot sich daher förmlich an, mit Dragana zunächst am Thema ‚Ressourcen’ zu arbeiten. Wir nutzten dazu zunächst die Übung ‚Meine Lebensbereiche und meine Rollen in ihnen’. In dieser Übung hatte Dragana die Gelegenheit, sich bewusst zu machen, welche Bereiche ihres Lebens und welche Rollen sie als Ressourcen erlebte, welche eher als Belastung - und welche für sie ambivalent waren. Außerdem erarbeiteten wir, welche inneren Ressourcen ihr halfen, diese Rollen auszufüllen. Nach dieser Übung erlebte ich Dragana zum ersten Mal entspannt und fast glücklich. Es war das erste Mal, dass sie sich mit ihren Ressourcen, mit ihren Fähigkeiten und Stärken bewusst beschäftigt hatte.

Auch die Auseinandersetzung mit den belastenden Bereichen und Rollen hatte zu wichtigen Einsichten geführt. Sie beschloss, weniger über ihre Probleme und Fehler nachzudenken und ständig darum zu kreisen, sondern ihre sozialen Beziehungen wieder zu intensivieren. Außerdem begann sie darüber nachzudenken, sich eine eigene Wohnung zu suchen.

Nach dieser Therapiesitzung ereignete sich allerdings wieder eine Situation (der Besuch eines Open-Air-Konzertes gemeinsam mit ihrem Freund Nikola), die bei ihr eine Panikattacke auslöste. Offensichtlich hatte das Konzert als Trigger gewirkt. Dragana konnte schnell erkennen, was der Auslöser gewesen war (die jungen Leute, die rauchten, tranken und auf der Wiese saßen und sie an sich selbst früher erinnerten und zusätzlich die Angst evtl. Leute zu treffen, die sie von damals kannten). Sie nahm gerne meinen Vorschlag an, Techniken zur Selbstberuhigung zu erlernen. Wir erarbeiteten die Technik ‚Tresor’ (in den sie unangenehme oder bedrohliche Gedanken, Erinnerungen oder Gefühle verschließen konnte) sowie die Übung ‚Album der Gegenbilder’ (in dem sie schöne, fröhliche, stärkende oder witzige Erinnerungen und Bilder sammeln konnte). Beide Übungen gelangen ihr während der Therapiestunde sehr gut. In den nächsten Monaten erlebte sie sie als sehr hilfreich, um Panikattacken schon im Vorfeld zu stoppen.

Psychodramatisches Gruppenspiel
Psychodramatisches Gruppenspiel

Sich selbst verstehen und annehmen

Einige Wochen später erzählte mir Dragana, dass sie sich eine eigene Wohnung gesucht habe und nun umziehe. Sie war sehr zufrieden mit dieser Entscheidung. Allerdings berichtete sie auch, dass sie in der letzten Zeit immer häufiger mit Nikola streite. Immer gehe es um das leidige Thema ‚ihrer Vergangenheit’.

Ich schlug ihr vor, psychodramatisch an diesem Thema zu arbeiten, was sie bereitwillig annahm. Wir arbeiteten mit Symbolen auf der ‚Kleinen Bühne’ (einem Tuch als Grundlage). Ich nutzte dafür das Konzept der Ego-States, insbesondere die Möglichkeit, mit der ‚jungen Dragana von damals’ in Kontakt zu gehen.

Dragana wählte jeweils ein Symbol für sich selbst heute (‚die erwachsene kompetente Dragana’) und eines für ‚die junge Dragana’ aus. Ich bot Dragana dann an, aus ihrer Position der ‚Erwachsenen’ auf die ‚junge Dragana’ zu blicken und sich zu erinnern, in was für einer Situation diese damals gewesen war. Durch Nachfragen vertiefte ich Draganas Erinnerungen und ermöglichte ihr, sich emotional in die ‚junge Dragana’ hineinzuversetzen.

Diese Annäherung ermöglichte, dass Dragana mit anderen Augen auf die ‚junge Dragana’ blicken konnte, dass sie zum ersten Mal verstehen und emotional nachempfinden konnte, in welcher Situation die ‚junge Dragana’ gewesen war. ‚Sie war zuvor sehr alleine, las nur, aber sie sehnte sich so sehr nach Liebe.’ Als ich sie fragte, was geschehen wäre, wenn die ‚junge Dragana’ weiter so alleine geblieben wäre, meinte Dragana: ‚Sie wäre vollkommen isoliert gewesen und wahrscheinlich verrückt geworden, aber sie hätte sich später nicht verurteilt!’

Ich bat sie, die moralischen Normen nur mal für einen Augenblick beiseite zu lassen und fragte sie: ‚Könnte es sein, dass sie auf diese Art und Weise für sich selbst gesorgt hat - so wie sie es eben in diesem Moment wusste und konnte? Und sich Liebe und Aufmerksamkeit gesichert hat, die sie so sehr gebraucht hat?’ ‚Ja, das stimmt!’ meinte Dragana nachdenklich. ‚Sie wollte einfach nicht mehr alleine sein - und sie begann Rockmusik zu hören. Noch heute, wenn ich Leute aus dieser Zeit treffe, freuen sie sich, mich zu sehen!’

‚Das heißt’, entgegnete ich, ‚Dragana war damals beliebt und die Leute waren gerne mit ihr zusammen?’

‚Ja, das habe ich noch nie so gesehen - aus diesem Blickwinkel ... Tatsächlich war das damals gut für mich! ... Das bedeutet mir sehr viel, das zu verstehen. Die junge Dragana wusste keinen anderen Weg, sie hat sich auf diese Art geholfen, so gut sie konnte; denn es war niemand anderes da für sie!’

Nach diesem Termin trennte sich Dragana von Nikola. Dann versöhnten sie sich wieder - und stritten wieder fast täglich. Aber Dragana ließ sich nicht mehr so leicht manipulieren. In einer weiteren Psychodrama-Szene setzte sie sich dann zunächst mit ‚Nikola’ auseinander und war dann bereit, in die Rolle der ‚jungen Dragana’ zu wechseln. Das psychodramatische Interview half ihr, sich emotional auf diese Rolle einzulassen. Die emotionale Erfahrung dieser Rolle ermöglichte Dragana, die Erfahrungen der ‚jungen Dragana’ noch tiefer zu verstehen und sie ein Stück weit anzunehmen.

Einige Wochen nach dieser Szene trennte sich Dragana endgültig von Nikola. In der Therapie, zu der sie weiter regelmäßig kommt, erkannte sie mehr und mehr die manipulativen Mechanismen ihres Ex-Freundes und die Ähnlichkeiten zu den Mechanismen in ihrem Elternhaus.

Ihre Angstzustände sind verschwunden. Seit kurzem ist sie eine neue Beziehung eingegangen - mit einem jungen Mann, der ihr offensichtlich gut tut.”

Irena Dumic Juric-Marijanovic

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