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SEKA Journal Nr. 28, Dezember 2017

„SEKA - eine fast unglaubliche Geschichte”

Zwanzig Jahre SEKA-Projektarbeit aus der Sicht von Projektgründerin Gabriele Müller

Das SEKA-Haus auf Brac im Sommer 1997
Das SEKA-Haus auf Brac im Sommer 1997

Zwanzig Jahre gibt es das Projekt SEKA nun schon - das ist die Spanne einer ganzen Generation! Für mich bedeuten diese zwanzig Jahre im Rückblick eine Zeit prall gefüllt mit Aktivitäten und Ereignissen, mit Problemen und Erfolgen, mit schmerzlichen aber auch mit zahllosen glücklichen Momenten. Ich will heute einige meiner Erinnerungen mit Ihnen teilen.

Am 28. Juni 1997, dem Tag der Eröffnung des ‚Zentrums für Fortbildung, Therapie und Erholung - SEKA’ oder kurz gesagt ‚Kuca SEKA’ (‚Haus SEKA’) auf der Adria-Insel Brac, lag eine beispiellose Kampagne hinter uns, in der wir (Mirjana Bilan und ich selbst) - mit der Unterstützung unserer Freundinnen und Freunde sowie zahlreicher engagierter Menschen - 70.000 DM an Privatspenden hatten sammeln können - als Grundstock für den Kauf des Projekthauses auf der Adriainsel Brac. Die Ökobank hatte uns für den Hauskauf zusätzlich einen Kredit gewährt, für den wir Hamburger SEKA-Vereinsfrauen privat bürgten.

Für die Aktivitäten des ersten Sommers - die jeweils 10-tägigen Erholungsaufenthalte für fünf Gruppen zu je 20 Kinder und Mütter - hatte ich Projektanträge geschrieben und auch einige bewilligt bekommen.

Dennoch war die Gründung dieses Projekts ein Abenteuer, auf das wir (Mirjana und ich) uns nur mit einer gehörigen Portion Wagemut und Idealismus einlassen konnten. In Deutschland hatten wir unsere Arbeitsstellen und unsere Wohnung gekündigt. Wir hatten alles auf eine Karte gesetzt und wir glaubten an den Erfolgdieses Projekts - weil wir es so wichtig fanden.

Am 28. Juni 1997 hatten wir die finanziellen Mittel, um die Aktivitäten dieses Sommers zu finanzieren, danach war noch alles offen. Während ich dies hier schreibe - kann ich es selbst kaum glauben, dass wir diesen Mut hatten ... Aber während dieses ersten Sommers mit den Frauen und Kindern, die noch nicht lange den Schrecken des Krieges entronnen waren, spürten wir jeden Tag wie gut und wichtig dieses Projekt war.

Und wir schafften es - im September bewilligte die Europäische Union uns einen großen Projektantrag - und damit war der Durchbruch vorerst gelungen.

10 Jahre Kuca SEKA Brac

SEKA wurde in den darauffolgenden Jahren in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens zu einem Symbol der Frauensolidarität, der Verständigung über die Gräben des Krieges hinweg; SEKA - das war eine Oase außerhalb der noch immer zerstörten ehemaligen Kriegsgebiete - eine Oase, in der alle willkommen waren, egal woher sie kamen, wie sie hießen oder mit welcher Bürde oder welchen Verletzungen sie ankamen; SEKA bedeutete für viele der Frauen und Kinder - aber auch der Mitarbeiterinnen und Aktivistinnen, (vielleicht zum ersten Mal seit langem) sich am richtigen Ort zu fühlen; SEKA bedeutet Wärme, Verständnis, Schönheit, Erholung und Heilung ...

Zehn Jahre haben wir auf der Insel Brac gearbeitet - haben ein kontinierliches Programm an Therapiegruppen, therapeutischer Einzelarbeit, an Fortbildungsseminaren realisiert; aber das besondere ‚Highlight’ der SEKA-Arbeit auf Brac waren die 10-14 tägigen therapeutischen Erholungsaufenthalte. An diesen „Glückstagen”, wie wir sie nannten, nahmen insgesamt 820 Kinder und Mütter teil. Sie hatten die Hölle von Srebrenica überlebt, Lagerhaft, Belagerung, Verfolgung, Todesbedrohung ... Sie waren traumatisiert, viele von ihnen schwer ... Doch es war jedes Mal wunderschön ihre Transformation während des Aufenthalts im SEKA-Haus zu beobachten: wie sie jeden Tag ein Stück entspannter, freier, fröhlicher und selbstbewusster wurden ...

Wenn ich an SEKA auf Brac denke, tauchen viele Erinnerungen als Bilder in mir auf:

Da ist das kleine vielleicht 4-jährige Mädchen, das lange ganz still und andächtig vom obersten Balkon des SEKA-Hauses auf die wunderschöne tiefblaue Bucht von Splitska schaut.

Die junge Mutter aus Srebrenica, die mit ihrem kleinen Sohn einen ständigen Konflikt ums Essen hat. Ich erfahre, dass ihre kleine Tochter in Srebrenica verhungert ist. Durch unsere Gespräche aber auch durch die Erfahrung, dass der kleine Junge in der Kindergruppe ohne Probleme und mit großem Appetit isst, kann sie allmählich ihre Angst überwinden und die Beziehung zwischen Mutter und Kind entspannt sich zusehends.

Die Kinder von Stari Vitez, die mir ihre furchterregenden Erlebnisse während der 11-monatigen Belagerung der Altstadt von Vitez erzählen und aus denen diese Erlebnisse förmlich herausdrängen. Es ist ihnen ungemein wichtig, all das einer außenstehenden Person zu erzählen, „damit die Welt weiß, was mit uns passiert ist!”

Der kleine Junge, Flüchtlingskind aus Srebrenica, der mit elfenhafter Leichtigkeit durch das flache Wasser der Sandbucht Lovrecina läuft und der einfach nur Glück ausstrahlt ...

Die junge Mutter, die alle Mitglieder ihrer Familie und Verwandtschaft in Srebrenica verloren hat, außer ihrem kleinen zweijährigen Sohn. Und die dennoch die Kraft hat, sich so liebevoll um ihn zu kümmern.

Das kleine 4jährige Mädchen, geboren in der Hölle von Srebrenica, deren Mutter mir erzählte, dass sie sich dort nur von gekochtem Reis ernähren konnten - etwas anderes hatten sie nicht. Als sie dann nach Tuzla geflohen waren, war ihre kleine Tochter überwältigt davon, „was man alles essen kann!” Für sie war Essen gleichbedeutend mit Reis gewesen ... Dieses kleine Mädchen, das soviel Schrecken und Entbehrungen hinter sich hatte, war gleichzeitig eines der fröhlichsten, selbstbewusstesten und kreativsten Kinder, die ich je erlebt habe. Ich empfinde noch heute Hochachtung vor der Mutter, die ganz offensichtlich der kleinen Tochter unter schwersten Bedingungen trotz allem eine sichere unterstützende Beziehung bieten konnte. Und ich bewundere die Selbstheilungskräfte dieses kleinen Mädchens.

Ich erinnere mich an die junge Frau, die mit ihrem kleinen, damals zweijährigen Sohn ein Massaker überlebte - versteckt unter dem Berg der toten Körper. Sie war zwar entschieden „nie wieder in unser Dorf zurückzukehren”, aber sie war ohne jeden Hass. Als ich sie fragte, was ihr die Kraft gebe, das alles zu überwinden sagte sie mir ganz einfach: „die Liebe meiner Eltern und die Liebe zu meinen Kindern!”

So viele Erinnerungen, so viele Geschichten ...

Das Glück der Kinder oder auch Frauen, wenn sie Schwimmen lernten ... Die Tränen zum Abschied ...

Die berührenden Kommentare, die uns die Frauen ins Gästebuch schrieben ...

Ein Bild verbinde ich ganz besonders mit dem SEKA-Haus auf Brac: Es ist dunkel, eine Sommernacht, die große SEKA-Terrasse bildet eine kleine Lichtinsel und es sind leise Stimmen und Gelächter zu hören - und dann Lieder. Die wehmütigen bosnischen Lieder, die die Frauen mit wunderschönen Stimmen singen - und dann tanzen sie ausgelassen. Dieses Bild macht mir noch heute eine Gänsehaut - weil ich weiß, dass es für viele Frauen das erste Mal nach vielen Jahren war, wieder zu singen, zu tanzen, zu lachen.

„SEKA hat mich wieder ins Leben zurückgebracht!” Diesen Satz habe ich von vielen Frauen am Ende ihres Aufenthalts gehört! Eine schönere Anerkennung kann ich mir nicht vorstellen!

Ein Abend auf der SEKA-Terrasse
Ein Abend auf der SEKA-Terrasse

„Dann schließe ich meine Augen und denke an Kuca SEKA ...”

Mit vielen Frauen und Kindern blieben wir noch jahrelang in Verbindung, manche besuchte ich auch auf meinen Reisen durch Bosnien in den folgenden Jahren. Mit einigen sind wir bis heute im Kontakt. Auch nach vielen Jahren erzählen sie uns, wie wichtig der Aufenthalt auf Brac und im SEKA-Haus für sie war und dass diese Erfahrung ihnen geholfen hat, wieder Vertrauen in andere Menschen zu gewinnen und den Glauben an sich selbst.

Mit Amira, die 1999 mit ihrer damals 12jährigen Tochter Zerina und einer Gruppe von Frauen und Kindern aus Banja Luka zu uns kam, habe ich bis heute Kontakt.

Alle Frauen und Kinder dieser Gruppe gehörten der bosniakisch-muslimischen oder der kroatischen Minderheit in Banja Luka an und hatten während des Krieges Diskriminierung, Verfolgung, nächtliche Überfälle, Schikane und Misshandlungen erlebt. Viele ihrer Angehörigen und Freunde waren in Lagern verschwunden, vertrieben oder gar ermordet worden. Auch Zerina war in der Schule täglich verspottet, provoziert, bedroht und misshandelt worden.

Im SEKA-Haus blühten die Frauen und Kinder auf. Gestärkt und mit neuem Lebensmut kehrten sie schließlich nach Banja Luka zurück - in einen Alltag, der damals noch immer von vielfacher Diskriminierung bestimmt war.

In einem Telefongespräch einige Monate später erzählte mir Amira, dass die Situation in Banja Luka noch immer sehr angespannt sei und auch Zerina noch immer viele Schikanen in der Schule erdulden müsse, aber dass sie dem viel stabiler und selbstbewusster begegnen würde. Eines Tages hatte sie zu ihrer Mutter gesagt: „Weißt du, Mama, wenn ich wegen all dem traurig und bedrückt bin, dann schließe ich meine Augen und denke an Kuca SEKA - und dann geht es mir wieder gut! Einfach dass ich weiß, dass es Kuca SEKA gibt, das gibt mir Mut!”

Heute hat Zerina einen hervorragenden Abschluss in Rechtswissenschaften gemacht - mit Schwerpunkt ‚Internationales Recht und Menschenrechte’ und arbeitet bei einer internationalen Organisation.

„SEKA hat mich und mein Leben vollkommen verwandelt!”

Außerhalb der Sommermonate - die für die Erholungsaufenthalte reserviert waren - boten wir in den übrigen Monaten des Jahres ein kontinuierliches Programm an Therapiegruppen, Einzeltherapie und Fortbildungsseminaren für professionelle Kolleginnen und paraprofessionelle Helferinnen aus Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Slowenien und Albanien an. Insgesamt nahmen 754 Kolleginnen, Helferinnen und Multiplikatorinnen an diesen Programmen teil. Der besondere Schwerpunkt der mehrjährigen Fortbildungsreihen lag einerseits auf der Entlastung der Mitarbeiterinnen und der Bearbeitung eigener Traumata, andererseits auf der Sensibilisierung und Qualifizierung für die Arbeit mit traumatisierten Menschen.

Auch für viele der Mitarbeiterinnen bedeuteten die Aufenthalte einen Wendepunkt in ihrem Leben. Eine der Kolleginnen sagte mir beim Abschluss ihrer Therapiegruppe für Mitarbeiterinnen: „Als ich zum ersten Mal hierher kam, fühlte ich mich wie ein Roboter ... ich funktionierte nur wie programmiert; es war, als ob ein Eispanzer meinen Körper und meine Seele gefangen hielte. Zu Anfang hatte ich furchtbare Angst, mich zu öffnen - nur irgend etwas an mich heranzulassen. Ich dachte, wenn ich das tue, dann werde ich zerbrechen.”

„Doch dann Schritt für Schritt - mit jeder Gruppenstunde, durch die Erfahrungen der anderen Frauen, durch euer Verständnis und die Wärme, die ich hier erlebte, schmolz ganz allmählich mein Eispanzer. Zuerst tat das weh, aber es war auch befreiend ... und jetzt fühle ich mich so lebendig, voller Zuversicht und voller Liebe. SEKA hat mich und mein Leben vollkommen verwandelt!”

Gorazde 2006 - die Spuren des Krieges überall
Gorazde 2006 - die Spuren des Krieges überall

Veränderungen

Im Jahr 2006 wurde immer deutlicher, dass wir langfristig mit SEKA nicht auf der Insel Brac bleiben konnten. Zum einen war die Insel inzwischen wieder ein Tourismusmagnet und die Preise hatten sich im Laufe der Jahre vervielfacht. Damit waren die überwiegend stationären Programme, in denen SEKA für alle Kosten aufkam, nicht mehr finanzierbar. Zum anderen war es klar, dass sowohl Projektkoordinatorin Mirjana Bilan als auch unsere Köchin Marija Misetic 2007 in Rente gehen würde. Ohnehin war es auf Brac immer schwierig gewesen, fachlich qualifizierte Mitarbeiterinnen für die regelmäßige SEKA-Arbeit zu finden, da viele Kolleginnen nach einiger Zeit merkten, dass das Inselleben ihnen nicht entsprach.

Wir beschlossen also, das Projekt umzusiedeln - nach Bosnien-Herzegowina, da der Bedarf an traumatherapeutischer Hilfe vor allem in den ländlichen Gebieten in Bosnien noch immer sehr groß war. Die Wahl fiel rasch auf die ostbosnische Stadt Gorazde, da wir im Februar 2006 dort bereits mit einem Pilotprojekt für kriegstraumatisierte Veteranen begonnen hatten und SEKA dadurch bereits in der Stadt bekannt war.

Eine der Gruppen, die im Jahr 2002 zur therapeutischen Erholung nach Brac kamen, stammte aus Gorazde, das während des Krieges - wie auch Srebrenica - zur UN-Schutzzone erklärt worden war. Zwar blieb den Gorazdern das Schicksal von Srebrenica erspart, doch dreieinhalb Jahre Granaten- und Sniper-Beschuss und fast vier Jahre Blockade, extremer Hunger und die ständige Todesbedrohung hatten die Gorazder Bevölkerung schwer traumatisiert. Zusätzlich hatten sich Tausende von Flüchtlingen aus den umliegenden Orten nach Gorazde geflüchtet. Viele von Ihnen hatten Terror, Misshandlungen, Vergewaltigungen, die Ermordung von Angehörigen und Freunden, Lagerhaft und eine traumatische Flucht durch die Wälder erlebt.

Gorazde wurde im Dayton-Abkommen der bosniakisch-kroatischen Föderation zugesprochen, lag aber in der Republika Srpska - nur mit einer zu Anfang von UNPROFOR geschützten Straße als Verbindung zu Sarajevo.

Mit der Gruppe aus Gorazde kam damals auch Esma Drkenda nach Brac, eine der wenigen Frauen, die die Stadt an vorderster Front gegen die serbischen Paramilitärs verteidigt hatte. Die Kriegserfahrungen hatten sie schwer traumatisiert. Sie war bereit, therapeutische Hilfe anzunehmen. Auch nach dem therapeutischen Erholungsaufenthalt kam sie mehrere Jahre lang zur Traumatherapie nach Brac und überwand mehr und mehr ihre Traumata.

Pilotprojekt mit Veteranen

Esma bat mich, diese Hilfe doch auch anderen Kriegsveteranen in Gorazde zu ermöglichen, da viele von Ihnen ebenfalls schwer traumatisiert seien und es keinerlei therapeutische Hilfen für sie gebe. Im Herbst 2004 fuhr ich daher zum ersten Mal nach Gorazde, um - organisiert von Esma - mit vielen GesprächspartnerInnen aus Veteranenverbänden, Armee, Polizei, im Zentrum für psychische Gesundheit und mit Betroffenen selbst zu sprechen.

Die Europäische Union lehnte zwar leider unseren diesbezüglichen Projektantrag ab, doch da die Männer außerordentlich motiviert waren, entschlossen wir uns, erst mal ohne spezielle Förderung mit einem Pilotprojekt zu beginnen. Das Pilotprojekt umfasste eine Reihe von psycho-edukativen Seminaren für eine Gruppe von Veteranen, die bereit waren, später als Ehrenamtliche in einem Veteranenklub zu arbeiten. Dieser sollte Anlaufstelle für kriegstraumatisierte Männer in Gorazde sein und die Ehrenamtlichen Ansprechpartner für ihre kriegstraumatisierten Kameraden.

Ich erinnere mich an die ersten psycho-edukativen Seminare mit den Männern aus verschiedenen Veteranenverbänden, die sich für diese Seminare gemeldet hatten. Es überraschte mich, wie bereitwillig sie die Gruppenarbeit und auch die psychodramatische Methode akzeptierten, dass sie bereit waren, ihre Probleme, Gedanken, Gefühle und Erfahrungen zu teilen. Aber auch wie sie sich mehr und mehr auf die psychodramatischen Erwärmungsspiele oder spontanen Gruppenspiele einlassen konnten und dabei viel Spaß hatten. Neben der Selbsterfahrung und der Psycho-Edukation über Themen wie Ressourcen, Coping-Mechanismen, Kommunikation, Beziehungen, Emotionen, Konfliktlösung u.a. schulte ich die Ehrenamtlichen für ihre zukünftige psychosoziale Arbeit.

Als Ergebnis des Pilotprojekts wurde im Herbst 2006 dann der Verein ‚Svjetlost Drine’ („Licht der Drina”) gegründet als Trägerverein für den Veteranenklub, der schließlich im Februar 2007 eröffnete.

Seminar mit Veteranen im Rahmen des Pilotprojekts Herbst 2006
Seminar mit Veteranen im Rahmen des Pilotprojekts Herbst 2006

„... dass so etwas Wunderbares wie SEKA nach Gorazde kommt!”

Damit verstand es sich fast von selbst, dass wir uns für Gorazde als neuen SEKA-Projektstandort entschieden.

Im März 2007 gründeten wir in Gorazde mit 17 Vereinsfrauen den ‚Frauenverein SEKA Gorazde’. Esma Drkenda wurde Vorsitzende. Die Vereinsfrauen sind alle sozial engagierte Gorazderinnen, die begeistert waren, dass SEKA nach Gorazde kommen wollte.

Eine von Ihnen sagte: „Ich kann gar nicht glauben, dass so etwas Wunderbares wie Kuca SEKA wirklich hierher nach Gorazde kommen wird!”

Im April 2007 fanden wir ein geeignetes Haus für das Projekt, das wir u.a. durch das Darlehen einer unserer treuesten Unterstützerinnen kaufen und renovieren konnten.1 Und im Sommer zog SEKA dann von Brac nach Gorazde. Das bedeutete eine große logistische Herausforderung - ein Umzug von einem Land ins andere - die wir insbesondere aufgrund des organisatorischen Talents und des großen Einsatzes der Bracer Projekt-Koordinatorin Mirjana Bilan und der zukünftigen Gorazder Koordinatorin Esma Drkenda hervorragend meisterten.

Die Eröffnung des „Zentrums für Fortbildung, Therapie und Erholung - Kuca SEKA” am 12. September 2007, zu der die VertreterInnen vieler Institutionen und Vereine, sowie auch die Bürgermeister Gorazdes und des Nachbarorts Ustikolina kamen, wurde vom Gorazder Fernsehen übertragen.

Bereits am Eröffnungstag zeigte sich, dass SEKA in Gorazde willkommen war - einerseits sicherlich dank seiner Reputation aufgrund des Pilotprojekts mit den Veteranen, aber auch aufgrund des großen Ansehens, das die Vereinsvorsitzende Esma Drkenda in Gorazde genießt. Und auch die Vereinsfrauen und die Mitarbeiterinnen des neuen Gorazder Projektteams Vera Dacic, Amina Vrana und Senija Tabakovic sorgten von Anfang an für eine gute Verankerung des Projekts im Gorazder Gemeinwesen.

Die Ziele der SEKA-Arbeit auf Brac und in Gorazde waren und sind die gleichen. Doch wenn der Schwerpunkt von SEKA Brac auf den stationären Programmen für Frauen und Kinder, bzw. Mitarbeiterinnen aus fast der ganzen Region des ehemaligen Jugoslawien lag, die für eine begrenzte Zeit ins SEKA-Haus kamen, dann setzten wir in Gorazde den Schwerpunkt auf die therapeutische Hilfe für die traumatisierte Bevölkerung der Stadt und des Kantons Gorazde. Der Vorteil der Arbeit in Gorazde war die Möglichkeit, kontinuierlich mit unseren KlientInnen zu arbeiten und sie über längere Zeit begleiten zu können. Dies ist insbesondere für die Traumaterapie notwendig.

Erholungsaufenthalte als ‚Türöffner’

Bis 2013 organisierten wir auch noch von Gorazde aus therapeutische Erholungsaufenthalte - für wenigstens jeweils eine Gruppe von Kindern und Mütter pro Sommer. Wir führten diese nun im bosnischen Ort Neum an der Adria durch. Die ‚Glückstage’ machten SEKA im Kanton bekannt und halfen uns, das Interesse potentieller Klientinnen für die SEKA-Arbeit zu wecken.

Die Teilnehmerinnen für die Erholungsaufenthalte wählten wir in Zusammenarbeit mit den Kolleginnen verschiedener Institutionen und Organisationen aus, die mit bedürftigen und / oder kriegstraumatisierten Familien bzw. Gewaltopfern arbeiteten. Dadurch konnten wir von Anfang an den Kontakt zu Frauen, Kindern und Familien herstellen, die unsere Hilfe am dringendsten benötigten, alleine damals aber wohl schwerlich den Weg ins SEKA-Haus gefunden hätten. Psychotherapie war vor 10 Jahren in Gorazde völlig unbekannt. Die Menschen kannten nur Psychiater und wenn man da hinging, war man „verrückt”.

Die Erholungsaufenthalte ermöglichten den Kindern und Müttern nicht nur Erholung und Entspannung - die Frauen erlebten, dass psychotherapeutische Arbeit hilfreich und entlastend war - und sogar Spass machte.

Die Erholungsaufenthalte dienten dadurch quasi als ‚Türöffner’ für andere Klientinnen, denen die Teilnehmerinnen von ihren Erfahrungen erzählten.

Ein anderes wichtiges Medium war für uns all die Jahre das Gorazder Lokalfernsehen und das Radio. In zahlreichen Beiträgen - zeitweise Sendungen bis zu einer Stunde - gaben die ReporterInnen uns Gelegenheit, die SEKA-Arbeit vorzustellen oder über wichtige Themen zu informieren. Für die meisten Klientinnen waren die wiederholten Berichte über ‚Kuca SEKA’ in Verbindung mit der ‚Mund-zu-Mund-Propaganda’ ausschlaggebend dafür, dass sie sich entschlossen, Hilfe im SEKA-Zentrum zu suchen.

Eine wachsende Zahl von Klientinnen wurde und wird allerdings auch von anderen Institutionen und Organisationen an SEKA vermittelt.

Glückstage 1997 - 2013 für fast 1000 Frauen und Kinder
Glückstage 1997 - 2013 für fast 1000 Frauen und Kinder

Die ‚Säulen’ der SEKA-Arbeit in Gorazde

Seit der Eröffnung des Projekts in Gorazde sind nun zehn Jahre vergangen und SEKA ist inzwischen zu einer der wichtigsten lokalen Organisationen geworden - um nicht zu sagen zu einer „Institution”!

Über die Jahre haben sich die Schwerpunkte der SEKA-Arbeit erweitert und zum Teil verändert:

Nach wie vor stellt die direkte (trauma-)therapeutische und psycho-edukative Arbeit die wichtigste „Säule” der SEKA-Arbeit dar und dies wird auch noch über viele Jahre notwendig sein.

Den zweiten Schwerpunkt der SEKA-Arbeit bilden die Fortbildungs- und Supervisionsangebote für Kolleginnen aus sozialen Einrichtungen, Gesundheits- und Bildungsinstitutionen sowie Organisationen aus Gorazde aber auch aus ganz Bosnien-Herzegowina. Darunter fallen die Fortbildungsreihen zu Traumatherapie, Seminare zur Sensibilisierung für die Arbeit mit Gewaltopfern bzw. Tätern, Einzel- und Gruppen-Supervision, und auch Publikationen zu diesen Themen.

Der dritte Schwerpunkt der SEKA-Aktivitäten richtet sich auf das Initiieren von gesellschaftlichen Veränderungen - ob im Kanton Gorazde, der Föderation oder Bosnien-Herzegowina und der Region insgesamt - hin zu einer demokratischen, friedlichen und gerechten Gesellschaft. Dies beinhaltet einerseits Öffentlichkeitsarbeit, politische Aktionen, bewusstseinsbildende Seminare, Gremienarbeit, Vernetzung und konkrete Maßnahmen, um Veränderungsprozesse anzustoßen. Dazu gehört aber auch die beraterische, organisatorische und politische Unterstützung, die SEKA anderen Organisationen bietet.

Wenn ich die vergangenen zehn Jahre in Gorazde Revue passieren lasse, dann gibt es so Vieles, das ich in diesem Rückblick beschreiben könnte, so viele Aktivitäten, Ereignisse, Schwierigkeiten, Höhepunkte und vor allem Schicksale, Geschichten von Hunderten von Menschen - Geschichten von Leid und Schmerz, aber auch von Stärke, Mut, Veränderung und Glück ... das alles würde nicht nur ein Buch füllen.

Doch in diesem Rückblick möchte ich mir heute die Frage stellen: Was hat SEKA erreicht - in den 10 Jahren in Gorazde, in den 20 Jahren seines Bestehens? Welches sind - aus meiner subjektiven Sicht - unsere Erfolge, was konnten wir bewirken?

Was hat SEKA bisher erreicht?

Als erstes muss ich an die Erholungsaufenthalte denken. Noch immer empfinde ich sie als etwas Besonderes (auch wenn wir sie heute leider nicht mehr finanzieren können). Für fast tausend Kinder und Mütter haben wir therapeutische Erholung am Meer ermöglicht. Die Arbeit in diesen 10-14 Tagen war sehr intensiv und auch anstrengend, aber aus zahllosen Rückmeldungen wissen wir, wie viel diese Erfahrung bei den Frauen und gerade auch bei den Kindern bewirkt hat. Das habe ich bereits weiter oben beschrieben.

Auch unser traumatherapeutischer Ansatz, den ich gemeinsam mit meiner langjährigen Kollegin Edita Ostojic auf der Basis der psychodramatischen Philosophie und Methode entwickelt habe, bedeutet für mich etwas sehr Grundlegendes, das weiter wirkt - nicht nur wegen unseres Buches (‚Die eigene Handlungsfähigkeit und Selbstachtung wiedergewinnen - Traumatherapie mit der Methode Psychodrama’ Gabriele Müller, Edita Ostojic), in dem wir diesen Ansatz beschrieben haben. Inzwischen arbeiten eine große Anzahl von KollegInnen in der ganzen Region erfolgreich und zum Nutzen ihrer traumatisierten KlientInnen mit dieser Methode.

Ich danke allen unseren Klientinnen und Klienten, die uns durch die gemeinsame therapeutische Arbeit geholfen haben, diesen Ansatz zu entwickeln, und bereit waren, sich auf die psychodramatische Methode einzulassen.

Wenn ich manchmal frustriert war, aufgrund der allgemeinen (politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen) Situation in Bosnien-Herzegowina, wenn ich begonnen habe, daran zu zweifeln, ob SEKA, ob wir hier überhaupt etwas erreichen können - dann hat mir sehr oft die Arbeit mit unseren KlientInnen geholfen, wieder Zuversicht zu spüren.

Die Veränderungsprozesse und Erfolge, die so viele unserer KlientInnen erreicht haben - trotz aller gesellschaftlichen und politischen Widrigkeiten, lösen in mir immer wieder Bewunderung aus, berühren mich und machen mich glücklich.

Gruppenarbeit mit Frauen
Gruppenarbeit mit Frauen

„... als ob dir jemand das Leben neu schenkt ...”

Da ist z.B. Rasema, die zu Beginn ihrer Therapie bereits 60 Jahre alt war. Sie hatte in ihrer Kindheit jahrelang sexualisierte, physische und psychische Misshandlungen erlitten. Ihr ganzes Leben lang kämpfte sie mit den psychischen und sozialen Folgen dieses Traumas. Die Traumata des Krieges potenzierten ihr Kindheitstrauma noch. Jahrelang wurde sie von wechselnden Psychiatern mit starken Psychopharmaka behandelt, die ihren Zustand eher noch verschlimmerten. Dann hörte sie von SEKA. Nach einigen Therapiesitzungen wagte sie es, zum ersten Mal in ihrem Leben, über die erfahrenen sexuellen Misshandlungen zu sprechen. In einer dreijährigen intensiven Therapie gelang es ihr, ihre Traumata zu verarbeiten; die tiefen psychischen Verletzungen heilten. In der Evaluation am Ende der regelmäßigen Therapie sagte sie: „Das Wichtigste war für mich, dass ich in der Therapie mich selbst und mein Leben aus der Distanz sehen konnte und dass ich begann, mich selbst zu verstehen und anzunehmen, mit allem, was mich ausmacht. Heute bin ich eine glückliche Frau. Natürlich habe ich Wehwehchen und Krankheiten, die das Alter mit sich bringt und ich habe im vergangenen Jahr meine Mutter und eine Schwester verloren. Früher wäre ich daran zerbrochen. Heute wundere ich mich selbst, wie gut ich mit diesem Verlust klar komme! Ich gebe mir Zeit, ich lasse meine Gefühle zu und teile sie mit meinem Mann und meinen anderen Geschwistern. Aber das Schönste für mich ist: Ich bin im Frieden mit mir selbst und mit den Menschen, die ich liebe!”

Und da ist Safet, heute 50 Jahre alt, Mitglied des Veteranenklubs. Als ich ihn kennenlernte, litt er unter einem starken Tremor, einem Zittern am ganzen Körper, das er nicht kontrollieren konnte. Er war vielfach schwer traumatisiert, täglich kämpfte er mit massiven Traumasymptomen. Zu dieser Zeit hatten er und seine Familie keinerlei Einkommen. Seine Frau und er überlebten, indem sie auf vermintem Gelände nach Altmetallen suchten, da im unverminten Gelände nichts mehr zu finden war. Für Safet, der im Krieg sehr viel Mut bewiesen hatte, war das Schlimmste, dass er sich vollkommen hilflos den Traumasymptomen ausgeliefert und als Mensch, als Ehemann und Vater unfähig und wertlos fühlte. Doch er hatte den Mut, das Angebot zur Gruppen- und dann auch zur Einzeltherapie anzunehmen. Und er war unglaublich motiviert, die in der Therapie erlernten Techniken und Übungen anzuwenden. Die Erfahrung, dass er die Symptome mehr und mehr kontrollieren konnte, dass der Tremor verschwand und er sich Schritt für Schritt sein Leben wieder aneignete, gab ihm einen weiteren Motivationsschub. Nachdem sich Safet gut stabilisiert hatte, war er bereit, sich mit seinen traumatischen Erfahrungen zu konfrontieren und diese kontrolliert durchzuarbeiten. Die Konfrontation erlebte er jedes Mal als eine Befreiung.

Selbst als er nach Abschluss der Therapie bei einem Arbeitsunfall mehrere Finger einer Hand verlor, warf ihn dieses Unglück nicht aus der Bahn. Er stabilisierte sich rasch und lernte hartnäckig und geduldig, seine alltäglichen Tätigkeiten trotz des Verlusts der Finger auszuführen, worin er eine unglaubliche Geschicklichkeit entwickelte.

Heute berät er selbst als Ehrenamtlicher im Veteranenklub andere Betroffene. Er sagte mir vor kurzem: „Ich möchte etwas davon zurückgeben, was ich bekommen habe. Der Klub und SEKA, ganz besonders du und Esma, ihr wart für mich das ‚Licht im Tunnel’, ihr habt mir geholfen, wieder an mich zu glauben. In der Therapie habe ich zuerst gelernt, mit meinem Trauma umzugehen - und dann habe ich es zum großen Teil überwunden. Das ist, als ob dir jemand, das Leben neu schenkt! Heute bin ich mit meinem Leben zufrieden - und oft richtig glücklich. Aber das, was ich im Klub und in SEKA bekommen habe, das werde ich nie vergessen. Ich kann nur allen Betroffenen sagen: Seid mutig und nehmt therapeutische Hilfe an!”

Das sind nur zwei Beispiele - von Hunderten unserer KlientInnen, die in den vergangenen 10 Jahren zur Therapie ins SEKA-Haus gekommen sind. Ihr Leben und das ihrer Familien hat sich nachhaltig verändert.

„Ich konnte nicht glauben, dass ich das bin!”

Eine ganz besonders ermutigende Erfahrung stellt für mich auch die therapeutische Begleitung der Gorazder „zene zrtve rata” (d.h. Frauen, die sexualisierte Gewalt im Krieg überlebt haben) dar. Als ich mit der Gruppe dieser Frauen zu arbeiten begann, erlebte ich die geballte und langfristige Zerstörungskraft sexualisierter Gewalt auf die psychische und physische Gesundheit der Überlebenden, auf ihre Beziehungen und ihr gesamtes Umfeld. Die Frauen kämpften mehr oder weniger jeden Tag um ihr psychisches Überleben und darum, ihren Alltag mit ihrer Familie und den Kindern zu bewältigen. Wie es eine von ihnen heute ausdrückt: „Ich lebte damals zu 80% in der Vergangenheit. Der Horror war ständig in meinem Kopf!” Und eine andere erinnert sich: „Der kleinste Auslöser bewirkte, dass ich in Panik geriet, oder einfach ‚verschwand’. Ich war körperlich da, aber mein Geist war irgendwo anders. Diese Symptome machten mir große Angst. Ich dachte, jetzt werde ich verrückt!”

Jahrelang bestand die einzige Form der Behandlung in einer Medikamentierung durch einen Mix von Psychopharmaka, die die Frauen stark sedierten und das Gefühl von Ohnmacht und Handlungsunfähigkeit zusätzlich verstärkten. Sie fühlten sich wertlos, hatten massive Scham- und Schuldgefühle, zogen sich mehr und mehr in sich zurück. Zusätzlich wurden sie von der Organisation der ‚zene zrtve rata’ politisch missbraucht und manipuliert. Sie mussten an Protestaktionen teilnehmen oder Interviews bzgl. ihrer traumatischen Erfahrungen geben, durch die sie jedesmal retraumatisiert wurden. Es wurde ihnen auch verboten, therapeutische Hilfe im SEKA-Haus anzunehmen.

Zunächst setzten sich einzelne Frauen über dieses Verbot hinweg dann immer mehr - manche heimlich, andere offen. Schließlich gründeten die Gorazder Betroffenen ihren eigenen Verein (‚Frauen der Drina’), den SEKA von Anfang an unterstützt. Neben der Einzeltherapie arbeitete ich dann auch drei Jahre lang mit der gesamten Gruppe traumatherapeutisch.

Wenn ich die Frauen heute erlebe, bin ich einfach begeistert und voller Hochachtung: die Frauen haben sich ihr Leben wieder angeeignet - doch nicht nur das, sie sind aufgeblüht: selbstbewusst, kreativ, fröhlich. Ihren Verein, in dem sie zunächst als eine Art Beschäftigungstherapie traditionelle bosnische Handarbeiten herstellten, haben sie professionalisiert. Inzwischen haben sie schon zwei Projekte in Kooperation mit UN Women durchgeführt. Im letzten Projekt ‚Ökonomisches Empowerment’ unterrichteten Frauen der Gruppe interessierte Gorazderinnen im Weben. SEKA unterstützt die Gruppe noch mit Rat und auch konkreten Aktivitäten, aber wir sind immer weniger notwendig.

Inzwischen mischen sich Vertreterinnen der Gruppe auch politisch ein, sie Vertreten die Anliegen der Überlebenden sexualisierter Gewalt im Krieg gegenüber Stadt und Kanton und beziehen auch zu lokalpolitischen Fragen Stellung. Eine von ihnen schrieb mir vor ein paar Wochen: „Heute war ich mit VertreterInnen anderer Vereine beim Premier, um gegen die illegale Absetzung des Direktors des Zentrums für Sozialarbeit zu protestieren und den Premier zum Handeln aufzufordern. Ich habe als aktive Bürgerin das Wort ergriffen und ihm ohne irgendeine Hemmung unseren Standpunkt klar gemacht. Danach erinnerte ich mich an früher - und ich konnte es selbst nicht glauben, dass ich das bin. Ich war richtig stolz auf mich! Und ich fühle mich so gut, so stark, so selbstbewusst! Das habe ich dir und SEKA zu verdanken! Das musste ich dir grade mal schreiben! Danke! Danke von ganzem Herzen für alles, was du für mich und für uns getan hast!”

Die unglaubliche Entwicklung dieser Gruppe von Frauen ist für mich vielleicht das Schönste, was ich in meiner ganzen beruflichen Laufbahn erlebt habe. Ihnen werde ich mich immer in besonderer Weise verbunden fühlen.

Abschlussfeier des Projekts
Abschlussfeier des Projekts ‚Ökonomisches Empowerment’

„SEKA ist das Beste, was Gorazde nach dem Krieg geschehen ist!”

Eine andere Wirkung der SEKA-Arbeit, insbesondere der von Kollegin Amina Sarajlic, bezieht sich auf die Kinder. Neben der persönlichen Entwicklung der einzelnen Kinder, der Überwindung von Krisen und der Verarbeitung von Traumata, gibt es noch einen Aspekt, an dem sich zeigt, dass die SEKA-Arbeit eine langfristige Wirkung hat: Heute sehe ich oft Jugendliche oder junge Erwachsene, die sich gesellschaftlich und sozial engagieren - ob gegen Hass, Vorurteile und Gewalt, oder für Frieden, für Ökologie, für Demokratie und Gleichberechtigung. Sie organisieren Veranstaltungen und Aktionen, geben Fernseh- und Radiointerviews, dass man nur voller Bewunderung sein kann. Viele dieser jungen Menschen haben als Kinder an SEKA-Aktivitäten teilgenommen. Es ist wundervoll zu sehen, wie sie nun ihren Weg gehen: selbstbewußt, aktiv und engagiert für eine bessere Zukunft!

Auch das Veteranenprojekt ‚Svjetlost Drine’, das in Gorazde inzwischen ebenfalls zu einer ‚Institution’ geworden ist, wäre ohne die Initiative SEKAs wohl nicht gegründet worden. Und ohne die kontinuierliche Unterstützung durch SEKA - durch Fortbildungen, Supervision, Einzeltherapie, Beratung, aber auch Fundraising - hätte die Arbeit des ‚Klubs’ vermutlich nicht diese Qualität. Die enge Zusammenarbeit zwischen SEKA und dem Team des Veteranenprojekts macht es möglich, Familien umfassend zu helfen.

Ein anderer Aspekt, den ich als wichtigen Erfolg der SEKA-Arbeit sehe, ist die Reputation, die sich SEKA im Kanton Gorazde und darüber hinaus erarbeitet hat - zuallererst in der Bevölkerung, aber auch bei Kolleginnen und Kollegen in Institutionen und Organisationen - und nicht zuletzt ist SEKA ein gesellschaftspolitischer Faktor geworden - nicht immer bequem für die Machthabenden - aber immer konstruktiv und bereit zum Dialog!

Wie Goran Bubalo, der Koordinator des bosnisch-herzegowinischen Friedensnetzwerks, uns vor einiger Zeit schrieb: „Auf wenige bin ich so stolz wie auf euch! SEKA ist der Stolz der gesamten bosnisch-herzegowinischen Zivilgesellschaft!” Oder wie uns vor kurzem die junge Gorazder Aktivistin, Edita Velic, zum Jubiläum gratulierte: „Ich gratuliere euch zur zehnjährigen erfolgreichen Arbeit! Ich freue mich, dass wir hier eine solche Organisation haben, deren Mission es ist, diejenigen nicht zu vergessen, die von der Gesellschaft meist vergessen werden.”

Und eine unserer Klientinnen sagte uns anlässlich unseres Jubiläums: „SEKA ist das Beste, was Gorazde nach dem Krieg geschehen ist!”

Gruppenarbeit mit Kindern
Gruppenarbeit mit Kindern

SEKA als Multiplikatorin

Noch vor der Gründung von SEKA auf Brac war mir persönlich eine Sache ganz besonders wichtig: SEKA sollte nicht nur traumatisierten Menschen selbst therapeutische Hilfe bieten, sondern sollte insbesondere auch Kolleginnen aus der gesamten Region Unterstützung bieten: therapeutisch, durch Fortbildungen und supervisorisch. SEKA sollte eine multiplikatorische Wirkung haben, sollte ermöglichen, dass die durch den Krieg im ehemaligen Jugoslawien traumatisierten Menschen qualifizierte, wirkungsvolle, aber auch behutsame Hilfe bekamen.

Heute - 20 Jahre später - kann ich sagen, dass wir dieses Ziel zu einem guten Teil erreicht haben: 685 Kolleginnen absolvierten größtenteils mehrjährige Fachfortbildungen, die die Arbeit mit traumatisierten Menschen zum Schwerpunkt hatten. Jede der Fortbildungsreihen hatte einen erheblichen Selbsterfahrungsanteil und ermöglichte so den Kolleginnen auch die Arbeit an eigenen Traumata. Darüber hinaus nahmen auch viele Kolleginnen das Angebot zur therapeutischen Einzelarbeit an.

Es macht mich glücklich zu sehen, dass in vielen Städten Bosnien-Herzegowinas, Kroatiens und Serbiens, ja auch in Albanien und gar in den Palästinenserlagern im Libanon Kolleginnen mit dem ‚SEKA-Ansatz’ - mit unserer therapeutischen Philosophie und Methode arbeiten. Ich freue mich, dass es mir gelungen ist, mein Fachwissen und meine Erfahrung so breit und tiefgehend weiterzugeben - auch an unser Gorazder Team, das - und das spüre ich jeden Tag - nicht nur mit unserem Ansatz arbeitet, sondern diesen täglich lebt!

Das ist für mich umso wichtiger, da ich im Jahr 2018 meine direkte Arbeit im SEKA-Projekt in Gorazde nach 21 Jahren beenden werde.

SEKA wird in Gorazde und in Bosnien-Herzegowina noch viele Jahre gebraucht werden, das steht außer Zweifel. Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass meine Kolleginnen in Gorazde SEKA hervorragend weiterführen werden - gut vernetzt mit Kolleginnen der gesamten Region und - natürlich immer noch - mit meiner Unterstützung und Begleitung aus der Ferne!

Mehr über diese Veränderungen können Sie auf den folgenden Seiten lesen.

Gabriele Müller

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