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SEKA Journal Nr. 27, Dezember 2016

Gorazde, 20. Oktober 2016

Liebe SEKA-Freundinnen und Freunde,

vor einem Jahr habe ich in der Einleitung zum letztjährigen SEKA-Journal über die Krisen und Kriege in der Welt und deren schwerwiegende Auswirkungen auf die „ganz normalen Menschen” geschrieben, womit wir tagtäglich in unserer Arbeit konfrontiert sind.

Diese Krisen und Kriege, die unsere Welt dominieren, haben sich bis heute leider noch zusätzlich verschärft, die Grausamkeit des Kriegs in Syrien erreicht neue furchtbare Rekorde und die langwierigen Bemühungen um eine internationale Kooperation zur Durchsetzung von Friedensverhandlungen scheinen gescheitert. Stattdessen erleben wir eine neue Stufe der Konfrontation der in den Krieg im Nahen Osten involvierten Mächte (insbesondere zwischen Russland und den USA) - und eine Hilflosigkeit der europäischen Politik, auf diese Situation angemessen zu reagieren. Daneben hat die Gefahr von Terroranschlägen - auch in Westeuropa und auch in Deutschland zugenommen.

Es ist kein Wunder, dass dies alles Angst macht. Dass es Menschen verunsichert. Und Angst und das Gefühl von Hilflosigkeit schlagen schnell in Wut um. Das Gefährliche dieser Situation ist, dass sich die PolitikerInnen aller demokratischer Parteien bisher viel zu wenig mit diesen Ängsten der Menschen wirklich auseinandersetzen, noch glaubhaft vermitteln, was sie tun, um die brennenden Probleme dieser Welt zu lösen. In dieses Vakuum stoßen die ‚Rattenfänger’ - die mit den angeblich so „einfachen Lösungen”, die Nationalisten und Demagogen. Auch sie setzen sich weder mit den eigentlichen Ursachen noch mit den Ängsten der Menschen auseinander. Nein, sie benutzen sie nur für die eigenen Zwecke, sie fachen sie weiter an, sie hetzen und säen Hass.

Dieser Hass ist es, der mich am meisten erschreckt - er wird z.B. in Kommentaren zu Online-Artikeln oder Blogs ausgebreitet und insbesondere in den sozialen Netzwerken. Da herrscht ein für mich neuer furchterregender Ton. Es entsetzt mich die Zustimmung, die eine in vielen Teilen faschistische Partei wie die AfD heute in Deutschland (wieder) bekommt. Und es scheint ein weltweites Phänomen: Hass, Diffamierung und unverfrorene Lügen scheinen auch in demokratischen Gesellschaften wieder salonfähig zu werden, wenn wir die erschreckende Begeisterung für Hassprediger wie Trump, Marine Le Pen, die Brexit-Anführer Farage und Johnson, die Nationalisten, die die Wahlen in Ungarn und Polen gewonnen haben, den Autokraten Erdogan oder den neue Präsidenten der Philipinnen Duterte, sehen - um nur einige Beispiele zu nennen.

Wie gefährlich Hass, Hetze und Propaganda auf der Basis von Lügen sind und wohin das führt, das haben wir in Deutschland und in Europa auf furchtbare Weise erlebt - zuletzt in den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien. Auch 21 Jahre nach Dayton sind die Wunden hier noch nicht verheilt und die Gesellschaft - insbesondere in Bosnien-Herzegowina noch immer geteilt. Noch immer nutzen die nationalistischen Parteien jede Wahlkampagne, um sich mit Hetze, Diffamierungen und dem Schüren von Ängsten weiter an der Regierung zu halten.

Die Menschen sind dessen müde, aber dennoch wirkt diese Propaganda. Jedes Mal von Neuem. Insbesondere bei unseren KlientInnen, die Terror und brutale Gewalt überlebt haben, wecken diese Kampagnen jedes Mal traumatische Erinnerungen.

SEKA hat sich von Anfang an - neben der traumatherapeutischen und psycho-edukativen Arbeit - immer wieder auch politisch eingemischt - durch Friedensarbeit, Vernetzung, Advocacy und gesellschaftspolitische Bewußtseinsbildung. Wie wir bereits im Rundbrief im Mai 2016 angekündigt haben, werden wir diesem Schwerpunkt unserer Arbeit in Zukunft noch mehr Gewicht geben. Dies wird seit September nun auch im neuen Projektnamen deutlich: aus ‚Kuca SEKA, Zentrum für Fortbildung, Therapie und Erholung’ wurde ‚Kuca SEKA, Zentrum für Therapie, Fortbildung und demokratische Entwicklung’.

Ganz besonders in diesen Zeiten sollten wir weder hier in Bosnien-Herzegowina noch in Deutschland, Europa und der Welt das Feld den HetzerInnen und PopulistInnen überlassen, sondern laut und deutlich Stellung beziehen und für humanistische und soziale Werte, Demokratie, friedliche Formen der Konfliktlösung und universelle Menschenrechte eintreten - ob in Diskussionsforen, Sozialen Netzwerken, durch Artikel, Petitionen, Veranstaltungen oder Aktionen - oder auch im Gespräch mit den Menschen unseres Umfelds. Und diese Werte sollten wir auch von der Politik einfordern. Von den Medien sollten wir verlangen, dass sie neben einer kritischen Berichterstattung auch dem positiven und ermutigenden Engagement vieler Menschen, den Beispielen der ‚guten Praxis’ (‚good practice’) in der täglichen Berichterstattung die Aufmerksamkeit schenken, die diese verdienen. Aber auch, dass sie sich als Medien ihrer Verantwortung bewusst sind und sich nicht als Plattform für Populisten hergeben!

Aber nun zum Inhalt dieses Hefts, das diesmal mit einem bunten (zeitgemäßeren) Umschlag, dafür aber nur mit 16 statt 20 Seiten daherkommt:

Nun wünschen ich Ihnen - auch im Namen meiner Kolleginnen in Gorazde und Hamburg - schöne Weihnachten und ein friedlicheres und erfreulicheres Jahr 2017!

Mit herzlichen Grüßen

Ihre Gabriele Müller

Titelbild SEKA-Journal Nr. 27 / Dezember 2016
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